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Hinschauen. Gerade jetzt.

Am 5. Mai 1945 wurde das Konzentrationslager Mauthausen von der US-Armee befreit. Rund 200.000 Menschen wurden in Mauthausen von den Nazis gefangen gehalten und gequält, knapp 100.000 wurden ermordet. Österreich hat erst sehr spät begonnen, sich mit der Nazi-Zeit zu beschäftigen, aber inzwischen ist eine Erinnerungskultur entstanden. Die Bemühungen, die Verbrechen zu zeigen und einzuordnen, gehen weiter. Und werden noch lange notwendig sein.
 

Die Banalität des Bösen
 
Der 5. Mai wird seit dem Jahr 1997 als „Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus“ begangen. Am Vorabend war die Staatsspitze mit Bundespräsident Alexander van der Bellen, Bundeskanzler Karl Nehammer, einigen Bundesminister_innen und Vertreter_innen des Parlaments in Mauthausen. Ich durfte für den Klub der NEOS teilnehmen, die FPÖ war als einzige Parlamentspartei nicht vertreten.

Barbara Glück, die Leiterin der Gedenkstätte, führte uns durch das ehemalige Konzentrationslager. Ein „internationaler Ort der Verständigung und nationaler Ort der Verantwortung“ wie Glück formulierte. Ihr ist es gelungen, dass mit dem „Raum der Namen“ an jeden einzelnen Menschen gedacht wird, der dort zwischen 1938 und 1945 ermordet wurde. So verlasen wir auch einige kurze Biografien, die von den Nachkommen der Opfer verfasst worden waren.

Aber im Rahmen des Rundgangs, beim Blick auf den mörderischen Steinbruch und die sauberen Bauernhäuser dahinter, wurde auch der Brief einer Bäuerin verlesen, die sich bei der Polizei beschwert hatte. Zunächst wies sie darauf hin, dass die Häftlinge im Steinbruch unmenschlich behandelt würden. Und dass sie das in ihrem Alter nicht mehr ertrage. Sie schrieb aber auch, dass solche Taten im Verborgenen stattfinden sollten, wenn sie denn wirklich sein müssten. Die KZ Schergen erholten sich von ihrem Tun beim Fußball spielen. Der Platz ist nicht weit vom Steinbruch entfernt. Das Morden und das Entspannen lag nahe beieinander. Hannah Arendt hat von der „Banalität des Bösen“ gesprochen.

 
Außenstelle Gusen

Im nahen Gusen hatten die Nazis von den Häftlingen ein kilometerlanges Stollensystem bauen lassen, wo Waffen hergestellt werden sollten: Operation „Bergkristall“. Allein beim Graben des Stollens mit einfachem Werkzeug starben Zehntausende. Es gibt davon keine Fotos, nur eine Zeichnung eines überlebenden Häftlings. In Gusen wird nun die Gedenkstätte neu gestaltet. Die Republik hat den ehemaligen Appellplatz dafür angekauft, auch dort gab es am Mittwoch ein Gedenken. Häftlinge aus 30 Nationen wurden in Mauthausen und den anderen Lagern gequält und ermordet, am Mittwoch kamen Botschafterinnen und Botschafter aus fast allen dieser Länder, nur Russland und Belarus waren nicht eingeladen.

Das Gedenken an die Opfer von Krieg und Nationalsozialismus wird vom Krieg Putins in der Ukraine überlagert. Es sind die Bilder von gequälten Menschen, die uns täglich erreichen, dazu Putins Lügen über „Ent-Nazifizierung“, seine rassistischen Äußerungen und die Drohungen, den Westen mit Atomwaffen anzugreifen und die Erklärung, er wolle sein armes Reich bis Lissabon ausbreiten, machen uns nachdenklich.

Aber vergessen wir nicht auf den Antisemitismus in Österreich. Die deutsche Forscherin Monika Schwarz-Friesel traf bei ihrer Ansprache im Rahmen der gestrigen Feier in der Hofburg den Punkt: „Antisemitismus entsteht nicht an den Rändern der Gesellschaft, sondern in der gebildeten Mitte. So wie im Nationalsozialismus.“ Gerade beim Besuch von Konzentrationslagern muss man daran denken. Es waren Ärzte, Juristen und Professoren, meistens Männer, die Jüdinnen und Juden quälten. 

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