brandstätters Report

Über das Alter. Und so weiter.

27. Mai 2022

In dieser Woche habe ich etwas Dummes gemacht: Ich habe auf Twitter eine Frage gestellt. Und noch dazu eine, die eine sensible, aber auch sehr gut organisierte Berufsgruppe betrifft.

Ein Hilferuf ohne Lösungsvorschlag 

Also, habe ich gefragt, eh nur gefragt: „Müssen Lehrer_innen wirklich mit 65 in Pension gehen?“ Es war also nur eine Frage, anlässlich des Mangels an Lehrpersonal. Aber mehr habe ich nicht gebraucht. Sehr, sehr viele Twitter-User erklärten mir meine Ahnungslosigkeit. Damit kann ich leben, ich war nur 12 Jahre in der Schule und habe später beobachtet, dass meine Kinder Jahrzehnte später ungefähr dasselbe, mit denselben Methoden gelernt haben. Und ich gehe gerne zu Diskussionen mit Schüler_innen, auch in der Demokratiewerkstatt des Parlaments, eine lehrreiche Einrichtung. Besonders beunruhigend finde ich die häufig verwendete Argumentation, dass Lehrer_innen schon viel früher in Pension gehen sollten, weil sie völlig ausgebrannt seien. Wenn das so ist, dann läuft aber in der Bildungspolitik etwas völlig falsch. Und dann wundere ich mich über diese bekanntlich sehr einflussreiche Gewerkschaft, dass sie das so zulässt. Aber interessanterweise kam kein Vorschlag zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen, sondern nur der frühere Pensionsantritt wurde verlangt, obwohl wir alle jedes Jahr im Schnitt drei Jahre älter werden. Twitter ist wohl auch nicht das ideale Medium für Debatten, aber ÖVP und SPÖ blockieren einander in Bildungsfragen traditionell, weil es da ja viele Verfassungsbestimmungen gibt, und der Föderalismus ist auch kein Garant für bessere Schulen. NEOS haben ja öfter Ideen gebracht, aber wenn etwa die Schulautonomie vorgeschlagen wird, heißt es auch sofort: Nein. Denn das würde auch bedeuten, dass Direktor_innen sich ihr Personal aussuchen könnten. Und das wird auch reflexartig abgelehnt. Aber wie soll man eine Schule - oder ein Unternehmen - leiten, ohne Einfluss auf das Personal zu haben? Und warum gibt es keine berufsbegleitenden Programme, die für stärkeren Wechsel zwischen Schule und anderen Berufen sorgen? Und was wird gegen Burnout gemacht? Wo ist der Bildungsminister??? Eine frühe Pension als Entschädigung für einen schlecht organisierten Beruf kann doch kein Ausweg sein.

 

Der junge Hupfer

Alexander van der Bellen macht seine Arbeit offenbar Spaß. Er, der einen beachtlichen Ruhegenuss beziehen würde, bleibt lieber aktiv. Kleiner Einschub, weil eine der vielen Polemiken lautete, Politiker_innen würden ja eine Megapension bekommen: Das war einmal, und gilt noch für ein paar wenige. Generell wurde die Politikerpension abgeschafft. Aber Neiddebatten gehören halt auch zu Österreich... Der Herr Bundespräsident will es also noch einmal wissen. Und während das Alter keine Kategorie sein sollte - außer das Mindestalter von 35 Jahren - darf man ein Staatsoberhaupt schon nach seinem Gesundheitszustand fragen. „Vor 6 Jahren war ich vergleichsweise ein junger Hupfer“ meinte der Kandidat, aber er fühle sich weiter sehr wohl. Gut so. Wer regelmäßig beim Ballhausplatz vorbei kommt sieht einen älteren Herrn, der zufrieden mit einem Hund spazieren geht, hinter ihm auffällig unauffällig zwei fit wirkende Herren. Die Zigarette in der Hand verbirgt der Bundespräsident nicht, er steht zu seinem Laster. Sonderbar war in einem der vielen Interviews des Kandidaten nur eine Passage, wo er sein Verhältnis zum früheren Bundeskanzler Kurz beschrieb, dem Kurier erklärte er: „Am Anfang war es ein bisschen schwierig. Message Control. Wenn auch nur ein Hauch der Kritik an der Bundesregierung durchklang stand er schon bei mir in der Präsidentschaftskanzlei.“ Warum kam nie ein Wort des Bundespräsidenten zu dieser Methode, unabhängigen Journalismus konsequent zu stören? Da hat der Grüne leider enttäuscht und wundert sich jetzt, dass Österreich in Bezug auf Pressefreiheit in allen Rankings absteigt. Zum Krieg in der Ukraine sagte er in der Zib2: „Es wird ökonomische Opfer für die Ukraine geben, das ist der Preis für Freiheit und Demokratie.“ Dem ist zuzustimmen, ich habe auf oe24tv auch zur neuerlichen Kandidatur Stellung genommen.

 

Die wichtigen Kontakte

Anfang der Woche hatten wir als außenpolitischer Ausschuss des Nationalrats eine Zoomkonferenz mit unseren Kolleg_innen des ukrainischen Parlaments. Nicht alle saßen in ihren Büros, sie müssen sich auch um ihre Regionen kümmern, wo Krieg herrscht. Da wurde wieder so bewusst, wie wichtig jeder Kontakt zur Ukraine im Moment ist. Die Menschen müssen wissen, dass die Aggression Putins für uns das wichtigste Thema ist, weil Putin weiter geht, wenn er dieses Nachbarland einnehmen kann. In diesem Zusammenhang ein Buchtipp: „Zeitenwende. Putins Krieg und die Folgen.“ Der ehemalige deutsche Botschafter in Moskau, Rüdiger von Fritsch, hat das Buch Mitte April fertig gestellt. Es enthält also alle aktuellen Geschehnisse bis zu diesem Zeitpunkt, aber vor allem viel Hintergrund eines Mannes, der Putin öfter gesehen und ihn einordnen kann. Putin ist ein KGB-Agent geblieben, der aber noch dazu dieses verquere Geschichtsbild hat, dass Russland wieder eine starke, die gesamte Umgebung kontrollierende Macht werden müsse. Um jeden Preis.

 

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