brandstätters Report

Report Spezial - 20 Jahre 9/11

10. September 2021

Erinnerungen an 9/11 und aktuelle Gedanken zu Afghanistan

Wir hatten viel vor, an diesem 11. September 2001. Wir, das Team von n-tv bei der Frankfurter Automesse IAA. Ich war Geschäftsführer des deutschen Nachrichtensenders und eine Automesse war für uns - und für unsere Zuseher_innen - ein besonders wichtiges Ereignis. Also besuchte ich am ersten Nachmittag unser kleines Studio, um dann Termine mit den verschiedenen Autoproduzenten zu absolvieren. Michael Schumacher hatte kurz davor eine große Gruppe von Journalist_innen angezogen. Der Fernseher in unserem Regieraum war sehr klein, aber das Bild werde ich nie vergessen, wie alle anderen, die es sahen. Ein Turm war bereits zerstört, das zweite Flugzeug bohrte sich gerade in den Südturm. Ich nahm meine Tasche, lief aus der Messehalle zum Taxistandplatz, wo eine ganze Schlange auf einen Wagen wartete. „Wer muss zum Flughafen?“ Einer der ersten Wartenden meldete sich und ich bot ihm an, seine Fahrt gerne zu bezahlen, wenn er mich mitnimmt. Im Taxi rief mich unser Chefredakteur Markus Föderl an: „Eben ist ein Flugzeug ins Pentagon geflogen, das ist Krieg.“ Auch diesen Satz werde ich nicht vergessen, es waren 34 Minuten nach dem Flug in den Südturm. Und ebenso werde ich nicht vergessen, dass ich dann in einem vollbesetzten Flugzeug Richtung Berlin saß, in dem keine einzige Person ein Wort sprach. 

Bei n-tv haben dann die an Live-Sendungen gewohnten Kolleginnen und Kollegen tage- und nächtelang durchgearbeitet. Uns allen war klar, dass die USA mit Präsident George W. Bush auf die Terroranschläge massiv antworten würde. Dass sie es so ungeschickt machen würden, das beschäftigt uns heute noch.

Zwanzig Jahre nach dem Terroranschlag, der überall auf der Welt unter dem Kürzel 9/11 - NineEleven - bekannt ist, müssen die Vereinigten Staaten ihre Niederlage im „Kampf gegen den Terror“, den Bush ausgerufen hat, eingestehen. Und damit auch der gesamte Westen. Der völlige Abzug aus Afghanistan ist ein mehrfaches Eingeständnis des Scheiterns. Und dazu kommt die Erkenntnis, dass heute anderswo Weltpolitik gemacht wird. Klar, die „Operation Enduring Freedom“ bekam zunächst Zustimmung, auch in Europa, weil die USA sich gegen das Netzwerk von Osama Bin Laden wehren mussten. Aber zu glauben, dass ausländische Kräfte einen andauernden Ausgleich in die afghanische Gesellschaft bringen könnten, war einfach unsinnig. Wer die Geschichte des Landes auch nur oberflächlich studiert weiß, dass das ebenso aussichtslos ist wie das angekündigte „Nation Building.“

Auch beim Krieg gegen Saddam Hussein im Jahr 2003 wurde nicht das Ende der Operation bedacht. Niemand wird Mitleid mit dem irakischen Diktator haben, aber er war kein Unterstützer der Al Quaeda, wie amerikanische Untersuchungen später ergaben. Und Massenvernichtungswaffen wurden dort auch nicht hergestellt. Noch im Jahr 1982 hatte Präsident Ronald Reagan Saddam Hussein im 1. Golfkrieg unterstützt. Der irakische Diktator marschierte im September 1980 gegen Khomeinis Iran. Das gefiel den Amerikanern. Aber denselben Feind zu haben führt eben noch nicht zu neuer Freundschaft, sondern kann sogar einen künftigen Feind stärken. Das hätten die USA irgendwann lernen müssen, denn auch die Unterstützung der Islamisten in Afghanistan gegen die Sowjetunion hat ihnen letztlich nur geschadet.

Der Export von Demokratie mit militärischen Mitteln funktioniert eben nicht. Dafür haben wir inzwischen mehrere Beispiele. Und noch schlimmer: Die Welt ist heute unsicherer als vor 20 Jahren, die Bedrohung durch neuen Terrorismus massiver, der Westen schwächer, China stärker, und zwar militärisch und wirtschaftlich. Und in Kabul sitzen international gesuchte Terroristen in der Regierung.

Was heißt das für uns in Europa? Wir müssen schon darauf beharren, dass uns der Schutz der Menschenrechte entsprechend der Europäischen Menschenrechtskonvention weiterhin leiten muss. Aber gleichzeitig müssen wir wissen, dass die Umsetzung schwieriger geworden ist. Und dass wir unsere Werte verteidigen müssen. Das werden wir in Europa nur gemeinsam im Rahmen der Europäischen Union schaffen. Umso mehr, als die künftige Politik der USA auch unter Präsident Biden nicht wirklich klar ist. Im Irak-Krieg war Europa schon gespalten, die Regierungen der Briten und Spanier dafür, die der Deutschen und Franzosen dagegen. Daraus sollten wir gelernt haben. Und ja, wir brauchen eine gemeinsame Verteidigung gegen mögliche Angriffe aller Art, von Terrorismus bis zum Cyber-Krieg.

Aktuell müssen wir in Afghanistan mithelfen, eine drohende Hungersnot zu verhindern. Nicht zur Unterstützung der Taliban - dieses Regime darf nicht anerkannt werden - sondern um den Menschen zu helfen. Viele von ihnen, gerade viele Frauen, haben in den letzten Jahren die Hoffnung aufgebaut, einmal in Frieden und Freiheit zu leben. Auch sie sind vom plötzlichen Abzug der Amerikaner enttäuscht. Zwanzig Jahre nach NineEleven und dem Krieg gegen den Terrorismus müssen wir unsere Werte von Demokratie und Freiheit betonen, und gleichzeitig akzeptieren, dass die Durchsetzung dieser Werte komplizierter ist, als es sich damals manche gedacht haben